Rocktimes – Markus Kerren

Rocktimes
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Okay, Freunde des guten Geschmacks, es ist mal wieder Zeit, die Lederkluft auszupacken, die Sacktücher hinten raushängen zu lassen und sich die Frisur zum Einhorn zurechtfönen zu lassen. Denn – und wer mag daran noch geglaubt haben? – die Band Rumble On The Beach ist aus einem jahrzehntelangen Winterschlaf wieder erwacht. Gegründet wurde die Combo aus dem Umfeld von Bremen Mitte des Jahres 1985 und bestand knappe zehn Jahre, bis sie sich 1994 auf unbestimmte Zeit verabschiedete. Diese ist nun allerdings vorbei, da die drei Musiker Michael ‚Ohlly‘ Ohlhoff (guitars, vocals), Andy Merck (bass, vocals) und Marc Mittelacher an den Drums nicht nur seit dem letzten Jahr wieder aktiv sind, sondern Bear Family Records auch die ersten Aufnahmen des Trios wiederveröffentlicht hat.
Im Prinzip verfolgte der Dreier in etwa die gleiche Idee wie The Pogues, nur dass das Trio – statt irischer Musik – ihren Rock’n’Roll und Rockabilly mit einer gesunden Portion Punk Rock fütterten. Und das taten sie richtig gut, wie die vorliegende Zusammenstellung aus Songs der ersten beiden Studioalben („Rumble On The Beach“ von 1987 sowie „Rumble“, 1988) und einer Live-Scheibe („Live 1988“) unter Beweis stellt.
Da wird natürlich auch tief in die Fifties-Kiste gegriffen, aber diese Jungs warfen eine solche Spielfreude und auch Power in die Waagschale, dass man sich deren Charme auch heute noch kaum entziehen kann. Unmissverständlich wird genau auf die Zwölf gerockt, dabei die (sehr guten) Eigenkompositionen immer wieder auch mit coolen Coversongs aufgelockert. Ein richtiger Erfolg gelang den Hansestädtern in den Achtzigern unter anderem mit dem Prince-Cover „Purple Rain“, das sich in der eigenen Version logischerweise etwas anders anhört. Ein weiterer Gassenhauer ist „Time Warp“ aus der „Rocky Horror Picture Show“, der nicht weniger Spaß macht. Es gibt noch weitere Beispiele, aber um dieses Kapitel nicht zu überstrapazieren, sei hier lediglich noch Plastic Bertrands „Ca Plane Pour Moi“ gennant, das auch heute noch ein Lächeln auf jede Lippen zaubern sollte.
Dass die Norddeutschen aber auch jede Menge starke Eigenkompositionen am Start hatten, zeigen beispielsweise das eröffnende „Rumble On The Beach“, das augenzwinkernde und (gewollt?) an Johnny Cash erinnernde „I Don’t Know“, das deutlich mehr Punk-beeinflusste „Don’t Hang Around“ sowie meine absolute Lieblingsnummer dieser Veröffentlichung, das ungeheuer powervolle und mitreißende „Nashville Girl“. Hier kippt die Stimmung gegen Ende fast ins Überschwengliche, wenn das schon massiv von der Fiddle Ed Csupkays angefeuerte Stück schließlich die Vollbedienung mit der E-Gitarre verpasst bekommt. Kompliment!
Aber das war noch lange nicht alles, denn auch Tracks wie etwa „Road Of No Return“ (mit sehr starkem Saxofon von Andreas Proff), „Rock’n’Roll Radio DJ“ (der Psychobilly lässt grüßen), „Amsterdam“ (sehr coole und kompromisslose Gesangsmelodie) oder „High-Speed Rumble“ (mit seiner fast schon brachialen Durchschlagskraft) lassen erst gar nichts anbrennen. Mit den letzten acht Tracks dieser Scheibe bewiesen die Jungs dann, dass auch keine Bühne wirklich vor ihnen sicher war. Neben bereits von den Studioalben bekannten Songs kann hier vor allem „Big Blonde Baby“ überzeugen.
Insgesamt also ein ganz fein geschnürtes Paket, das uns die Bear Family hier beschert hat. Wer Rockabilly mit ein paar Ausflügen (bzw. Zusätzen) in andere Gefilde mag, der ist bei Rumble On The Beach an der exakt richtigen Adresse. Fakt ist, dass sich auch die Stray Cats (Mensch, da müsste ich auch mal wieder reinhören!) verdammt warm anziehen müssten, falls es mal zu einem ‚Battle of the Bands‘ kommen sollte.
Für Rumble On The Beach gilt auf jeden Fall: Neu entdecken, wieder entdecken, ganz egal… diese drei Bremer haben es verdient, wahrgenommen zu werden. Und wer weiß, vielleicht kommen sie in absehbarer Zeit ja sogar mit einer brandneuen Scheibe um die Ecke. Weitere Wiederveröffentlichungen aus dem Backkatalog sollen zumindest bereits geplant sein.
Line-up:
Michael ‚Ohlly‘ Ohlhoff (guitars, vocals)
Andy Merck (bass, vocals)
Marc Mittelacher (drums, vocals)
With:
Ed Csupkay (fiddle)
Andreas Proff (saxophone)
Efa Schütte (background vocals)